Pressestimmen:


Schatten blätterloser Bäume ziehen vorbei

Katja Zimmermann schrieb am 24.10.2011 in der "Sächsischen Zeitung":
Am Bautzner Theater kämpft in "Verschüttet" eine Familie mit den Erinnerungen an einen schweren Verlust.

Die melodische Altstimme der Oma ertönt aus dem einen Fach des bühnengroßen Regals. Der gutmütige Opa trägt als Messi zur Erheiterung des Publikums bei. Die hysterische Mutter sorgt mit einem Schwapp Wasser fast für eine nasse erste Zuschauerreihe: Von Gerald Gluth inszeniert, wurde das Stück "Verschüttet" des Österreichers Stephan Lack am Sonnabend am Bautzner Theater nach seinem Erfolg auf Sorbisch nun erstmals auf Deutsch aufgeführt - und spricht fast alle Sinne an. Im Mittelpunkt steht eine Familie, die sich zwei Jahre nach dem Unfalltod des Sohnes bei den Großeltern trifft. Keine der fünf Figuren hat das Unglück verarbeitet, jede versucht auf ihre Weise, mit Vergangenheit und Gegenwart klarzukommen.

Zerbrechen am Schmerz

Janina Brankatschk brilliert mit tippelnden Schritten in der Rolle der demenzkranken Anna. Sehr glaubhaft spielt sie die Stimmungsschwankungen einer Vergesslichen. Annas Mann Josef (Michael Lorenz) wiederum gibt das typische Beispiel eines alten Mannes, der seine Frau, die ihm mental immer mehr entgleitet, krampfhaft festzuhalten versucht. . Sehr glaubwürdig kommt Susanne (Lilli Jung) als eine am Schmerz zerbrechende Mutter rüber, deren Ehe durch den Tod des Sohnes zu scheitern droht. Gleiches gilt für ihren Mann Martin (Mirko Brankatschk), dessen Verzweiflung sich verschiedene Wege an die Oberfläche sucht. Die 19-jährige Tochter Juli (hervorragend gespielt durch Anna-Maria Brankatschk) verarbeitet auf unterschiedliche Weise ihre Trauer und das Gefühl des Nichtdazugehörens. Einmal wirkt sie wie ein trotziger Teenager, dann scheint sie wieder die Erwachsene mit dem größten Überblick zu sein. Einen beeindruckenden Rahmen für den Käfig der Verzweiflung, in der sich jede der Figuren befindet, schafft das Bühnenbild von Katharina Lorenz. Jeder Schritt abseits der vorgeschriebenen Wege - in halber Höhe wie ein Netz ausgelegte Holzlatten - führt in vernebelte Ungewissheit oder einen Wassertümpel. Die allgegenwärtige Präsenz des toten Pauls wird als übergroßer Videoausschnitt auf die Darsteller projiziert. Vorbeiziehende Schatten blätterloser Bäume zeigen Leere, Alter, Vergänglichkeit. "Verschüttet" ist kein erbauliches Stück, nur wenige Sätze erheitern das Publikum. Auf erschreckend echte Weise erzählt es vom Leid durch Tod, Demenz und erkaltende zwischenmenschliche Beziehungen. Aber auch Hoffnung spielt eine Rolle: Dass mit einem Kind alles besser wird. Dass ein Alzheimerkranker mit viel Zuwendung lange glücklich sein kann. Die Zuschauer im fast ausverkauften Saal jedenfalls honorieren dieses gelungene Abbild vieler Eindrücke aus eigenem Erleben mit lang anhaltendem Beifall.
Sächsische Zeitung, 24. Oktober 2011


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geändert: am 25.10.2011 um 12:50 Uhr.