"Ein Monolog ist wie ein Seiltanz"

Ein Gespräch mit dem Bautzener Schauspieler Marian Bulang zur Premiere des Einpersonenstücks "Abend im November" von Marie Jones (Deutsche Erstaufführung) am Sonnabend, 7. September 2002

DSVTh: Marian, du hast in den drei Spielzeiten, die du nun im Bautzener Ensemble bist, bisher fast immer große Rollen in großen Ensemble-Stücken gespielt: "Die neuen Leiden des jungen W.", "Die Räuber" und gleich zweimal Krabat, einmal auf der Hauptbühne, einmal im Sommertheater. Nun zum ersten Mal ein Soloabend. Ist das eine vollkommen neue Herausforderung für dich - oder hat hier die Rolle des "Kindermörder Bartsch", die ja auch schon auf eine Kammerspiel-Situation aufbaute, geholfen?

Bulang: Geholfen hat "Bartsch" schon - auch hier konnte man den Körper kaum zum Einsatz bringen, war ganz auf den Text, auf seine Gedanken, seine eigene Person zurück geworfen, während man sich auf der Hauptbühne oder gar beim Sommertheater durch den großen Körpereinsatz schon in eine gewisse Rage hinein spielen und sich dadurch selbst in die Rolle helfen kann. Auch die Intimität der Probensituation in einem kleinen Team zusammen mit dem Regisseur Peter Förster war ja bei "Bartsch" schon da. Wir haben ein enges, freundschaftliches Verhältnis entwickelt, das im Probenverlauf in alle Richtungen strapaziert wird - und hält! Dennoch ist ein Monolog, wie es der "Abend im November" ist, etwas grundsätzlich anderes, als jedes andere Stück, ob es nun ein Dialog zwischen zwei Figuren oder ein Ensemble-Spiel mit vielen ist. Beim Dialog hast du nicht nur die konkreten Stichworte, auf die du reagieren kannst, dein Spielpartner liefert dir auch mit seiner Intonation, Gestik, Mimik eine gewisse Spannung, auf die du mit Kontrasten oder ähnlichen Erwiderungen reagieren kannst. Alles das fällt beim Monolog weg, musst du dir selbst vorgeben. Da musst du auch viel schneller sein als beim Dialog. Das ist wie ein Seiltanz, während der Dialog immerhin eine schmale Hängebrücke ist (lacht).

DSVTh: Du spielst beim "Abend im November" im Seitenfoyer mitten im Publikum, noch dazu in einer Art "Glaskasten" ohne Kulissen und Wände. Wie erlebst du diese Spielsituation?

Bulang: Man fühlt sich da schon ziemlich ausgeliefert. Von einer fiktiven "vierten Wand", mit der eine konventionelle Inszenierung arbeitet - also die Zuschauer blicken zwar in dein dargestelltes Leben hinein, betreten es aber nicht direkt - kann hier keine Rede sein. Ich spreche hier direkt mit dem Publikum, fast schon als Privatperson zu Privatpersonen. Das ist natürlich auch die Gefahr bei der Sache. Obwohl es im Sinne des Stückes ist: Ein Typ in einem irischen Pub erzählt dir eine Geschichte aus seinem Leben. Dadurch, glaube ich, wird das Stück bei jeder Aufführung vollkommen anders: Je nachdem, wie und ob die Leute reagieren. Darauf freue ich mich - aber ein wenig unheimlich ist diese Abhängigkeit natürlich auch.

DSVTh: Im Stück spricht nicht nur eine Figur - die Ehefrau, der Chef, ein Kollege, Freunde, der Schwiegervater des Erzählers treten auf. Wie realisierst du das?

Bulang: Ich schlüpfe nicht von einer Rolle in die nächste, sondern deute die Typen und Stimmen, ihre Körperhaltung und Sprechweise lediglich aus der Erzählperspektive "meiner" Figur heraus an. Dabei sollen diese Personen nicht karikiert, sondern ernst genommen werden.

Das Gespräch führte Oliver Tettenborn